Radikale Solidarität - Warum sozialer Antifaschismus eine intersektional-feministische Klassenperspektive braucht
- Elisa Otzelberger
- vor 6 Tagen
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Angesichts Sozialstaatsabbau, Militarisierung und Ausbau des Grenzregimes durch die autoritäre Krisenbearbeitung der Bundesregierung sowie der drohenden Faschisierung, mit der eine Schwarz-Blaue Koalition vorstellbarer wird, braucht sozialer Antifaschismus eine intersektional-feministische Klassenperspektive. Das Konzept wurde zuerst von Lia Becker u.a. im Artikel „Für einen Aufstand der Töchter“ vorgestellt. Kern sind die Vergesellschaftung von Sorgearbeit als Transformationsstrategie und ein intersektional-feministischer Kulturkampf, der Gegenmacht organisiert und die Vision eines gerechten Lebens für alle greifbar macht.
Durch Sparpolitik, Privatisierung und Angriffe auf den Sozialstaat verschärft der autoritäre Neoliberalismus die Krise der sozialen Reproduktion, auf die feministische Bewegungen und Arbeitskämpfe im professionellen Sorgebereich seit Jahren aufmerksam machen. In Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge wie Krankenhäusern, Kitas oder Pflegeheimen sind schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Löhne, Personalnotstand, Zeitdruck und Überlastung längst normalisiert. Familien sind durch Arbeitsverdichtung, Stress im Beruf und gestiegene Lebenshaltungskosten im Alltag enorm belastet. Wer es sich leisten kann, lagert diese Tätigkeiten an prekär beschäftigte, häufig migrantische Arbeiter*innen aus. Durch diese globalen Pflegeketten verfestigen sich neue, über Ländergrenzen hinausgehende Ausbeutungsverhältnisse.
Die aktuelle autoritär-neoliberale Familien- und Sozialpolitik treibt diese Entwicklungen noch weiter voran. Neben massiven Angriffen auf den Sozialstaat und Arbeitnehmer*innenrechte kündigt die Regierung Einschnitte im sozialen wie kulturellen Bereich an. Schon jetzt zeigen die geplanten Kürzungen etwa in der Jugend- und Behindertenhilfe sowie Debatten um zivilgesellschaftliche Programme wie „Demokratie leben!“, wie lang erkämpfte Strukturen für soziale Rechte, Teilhabe und Diversität abgewickelt werden. Eine Schwarz-Blaue Regierungskoalition etwa in Sachsen-Anhalt könnte für den Raubbau an verbleibender sozialer Infrastruktur und öffentlicher Daseinsvorsorge ein weiteres Exerzierfeld in neuer Qualität darstellen. Auch der teilweise Ausbau finanzieller Leistungen für das weiße, patriarchale und heteronormative Familienmodell würde mehr Privatisierung und eine Verschlechterung der Sorgebedingungen für alle bedeuten. Alternative, queere Familien- und Lebensmodelle, aber auch Alleinerziehende, die schon jetzt Unsicherheit und Benachteiligung erfahren, wären noch stärker bedroht. Daneben begünstigen zunehmende soziale Ungleichheit und der Abbau sozialer Daseinsvorsorge ökonomische Abhängigkeiten und den Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt. Seit Jahren melden Frauenhäuser und Beratungsstellen Überlastung und Unterfinanzierung, die Plätze reichen nicht für alle, die vor Gewalt flüchten und darauf angewiesen wären.
Leidtragende der Sorgekrise und des autoritären Umbaus sind wir alle, aber insbesondere marginalisierte Gruppen: Arme, prekär Beschäftigte, Migrant*innen, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und LGBTQi+. Es sind die Menschen, die in Deutschland in großer Zahl in prekären Sorgeberufen arbeiten, unbezahlte Sorgearbeit leisten oder sie selbst in Anspruch nehmen. Zugleich werden diese Gruppen in Teilen gegeneinander ausgespielt. Als einen Ausdruck der Allianzen autoritärer Neoliberaler mit neofaschistischen Kräften sehen wir die rassistische Instrumentalisierung von „Frauenrechten“ – sogenannter Femonationalismus – zur Rechtfertigung gewaltvoller Abschiebepolitik, des Ausbaus des Grenzregimes und rassistischer Hetze. Die Verschiebung der Sicherheitspolitik wird zum Motor der Militarisierung und Remaskulinisierung von Staat und Gesellschaft und schafft damit weiteren Nährboden für Antifeminismus, Queer- und Trans*feindlichkeit und Anti-Gender-Rhetorik. So wird rassistische und patriarchale Gewalt normalisiert, werden in der Krisenbearbeitung hierarchische Ordnungsvorstellungen stabilisiert.
Eine intersektional-feministische Klassenperspektive ermöglicht es, das Zusammenwirken und Ineinandergreifen von Macht- und Gewaltstrukturen, sowie die dahinterstehende Logik der Abwertung bestimmter Körper im Kapitalismus zu verstehen und zu bekämpfen. Dabei lehnt sie einerseits die bloße Verteidigung eines liberalen Status Quo ab und geht andererseits über eine Verengung auf soziale Fragen und Reformpolitiken hinaus. Die Vergesellschaftung von Sorgearbeit ist ein zentraler Ansatz, denn sie greift die geschlechtliche Arbeitsteilung als Grundfeste der Produktionsbedingungen im kapitalistischen Wirtschaftssystems an und stellt gute Sorge- und Lebensbedingungen für alle Menschen ins Zentrum. Eine Politik des sozialen Antifaschismus beinhaltet den Anspruch, eine echte Demokratisierung staatlicher Strukturen zu erreichen. Das muss auch bedeuten, die Organisation von Sorgearbeit im Kapitalismus und die Lebensrealität von Sorgearbeitenden, denen politische Partizipation strukturell erschwert wird, mitzudenken.
Intersektionaler Antifaschismus geht mit einem offensiv geführten linken Kulturkampf gegen Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Sexismus, Queer- und Trans*feindlichkeit voran. Rechte Hegemonieprojekte operieren als Gesamtangebot: Sie liefern einfache Lösungsangebote für die Krise des Kapitalismus und die Sorgekrise durch Feindmarkierungen und vermeintliche Sicherheitsversprechen. Eine linke Politik des sozialen Antifaschismus muss dem mit einem Gegenangebot antworten, das Fürsorge, Gemeinschaft, Solidarität und echte Demokratisierung in den Mittelpunkt stellt – und dabei von denjenigen lernen, die am stärksten von Gewaltstrukturen betroffen sind, deren Überleben real bedroht ist und die bereits jetzt Praktiken der Widerständigkeit leben: Frauen, queere und trans* Personen, Migrant*innen, Schwarze und jüdische Communities, Menschen mit Behinderungen, Erwerbsarme, Prekarisierte.
Konkret braucht es die Entprivatisierung von Sorgearbeit durch den massiven Ausbau öffentlicher Sorgeinfrastruktur, die ökonomische Aufwertung von Sorgetätigkeit im häuslichen wie im professionellen Bereich wie etwa durch Arbeitszeitverkürzung, Tarifbindung, verbindliche Personalstandards und echte Entlastung von Familien in ihren vielfältigen Formen jenseits heteronormativer Kernfamilienideale als notwendige erste Schritte einer radikalen Neuordnung der Sorgeverhältnisse. Der Kampf für die Vergesellschaftung von Sorgearbeit setzt direkt an den Alltagserfahrungen der Mehrheit der Menschen an, wirkt der Vereinzelung entgegen und schafft Raum für gelebte Solidarität. Dazugehören muss ein feministisches Aufbegehren gegen Militarisierung und Kriegslogiken, Nationalismus und Imperialismus, gegen Abschottung und die Ausweitung exekutiver Gewalt, genauso wie der Kampf gegen die planetare Zerstörung – verbunden mit dem Schutz von Grund- und Freiheitsrechten, insbesondere für vulnerable Gruppen.
Das Comeback der Linken 2025 und die große Zahl feministisch bewegter Neumitglieder in unserer Partei schafft ein großes Potenzial, unsere Debattenräume zu erweitern und an einer feministischen Transformationsstrategie zu arbeiten. Feministisch-intersektionale Gegenmacht gegen den autoritären Neoliberalismus und die AfD können wir aber nicht allein aufbauen, sondern nur in starken Allianzen mit anderen. Inspiration für eine Praxis des intersektionalen Antifaschismus lässt sich bei den CSDs im Osten der Bundesrepublik finden, die trotz Kürzungen und rechten Gewaltandrohungen vormachen, wie eine alternative und widerständige Sorgepraxis gelebt werden kann. Ähnliches gilt für Kampagnen zur Vergesellschaftung von Sorgearbeit, Krankenhaus- und Pflegebewegungen, die die soziale Reproduktion ins Zentrum rücken.
In den USA zeigen der Widerstand gegen das MAGA-Regime und Proteste gegen ICE, wie Menschen sich organisieren, um ihre Communities und Nachbarschaften zu schützen, wie Antirassismus, Feminismus und Sorgepolitik verbunden werden können, um die Gewaltpolitik zu blockieren. In Deutschland sind es zivilgesellschaftliche Bündnisse, die auf ähnliche Weise gegen Abschiebungen mobilmachen und lokale Schutzräume und Hilfsnetzwerke schaffen. Darüber hinaus müssen wir breite Bündnisse mit Gewerkschaften, Sozialverbänden bilden, wie auch mit den übriggebliebenen progressiven Kräften in der Basis der Grünen und SPD. Wir arbeiten zusammen mit migrantischen Initiativen, Behindertenverbänden, queer-feministischen Gruppen, Sozial- und Kulturinitiativen.
Geteilte Infrastruktur, Austauschräume und Hilfsstrukturen erfordern, dass wir aufeinander zugehen, zuhören, voneinander aus unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensrealitäten lernen. Das bietet Reibungsfläche, aber auch das Potenzial für radikale Solidarität. So kann es mit einer Praxis des intersektionalen Antifaschismus gelingen, Hoffnung zu schaffen, denn er verbindet verschiedene Unterdrückungs- und Ausbeutungserfahrungen und reale Bedrohungen angesichts der Faschisierung zu einem gemeinsamen Kampf für das gute Leben für alle.
Lesetipps:
Das Konzept des Intersektionalen Antifaschismus wurde zuerst vorgestellt im Text Für einen Aufstand der Töchter von Lia Becker, Lola Fischer-Irmler, Barbara Fried, Elisa Otzelberger, Birgit Sauer, Alex Wischnewski, in: LuXemburg, 1/2026.
Jule Govrin: Feministisch antifaschistisch. Warum wir bei CSDs für alle auf die Straße gehen, in: LuXemburg 1/2026.
Barbara Fried und Alex Wischnewski: Care-Arbeit vergesellschaften. Kommunalpolitische Werkzeugkiste für eine Sorgende Stadt, Rosa-Luxemburg-Stiftung 2024.
Intersektionalität
Der Begriff der Intersektionalität stammt aus dem Schwarzen Feminismus und benennt die Überlappung oder Verstärkung von Unterdrückungsstrukturen wie Rassismus, Sexismus und Klasse. Menschen können von mehreren Unterdrückungsstrukturen gleichzeitig betroffen sein.
Transformationsstrategie
Damit ist ein Ansatz gemeint, tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zur Überwindung kapitalistischer Strukturen und den Übergang zum demokratischen Sozialismus voranzubringen.


