41 Grad – und es wird noch heißer
- morgen:rot
- 30. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Die Hitzewelle zeigt: Die Klimakatastrophe nimmt an Fahrt auf. Der Beitrag legt dar, warum Die Linke ökosozialistisch sein muss.

41,7 Grad, der heißeste Tag in Deutschland, der je gemessen wurde. Aufbrechende Autobahnen. Googlesuche Hitzetote. Treffer 1: Die Allianzversicherung. Nüchtern-realistisch, wie ein Versicherungskonzern eben: „Bis 2030 drohen Deutschland Verluste von insgesamt bis zu 131 Milliarden US-Dollar (USD), wenn sich Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts wiederholen. (…). Besonders problematisch ist dabei die doppelte Belastung für Unternehmen: Steigende Temperaturen senken die Produktivität, während gleichzeitig die Energiekosten steigen. Investitionen gehen zurück und lähmen so das zukünftige Wachstum.“ Ihre Profite.
Unser Leiden
Und wir? Hitze und körperliche Leiden, und ja, auch Hitzetote. In Frankreich haben die Behörden gegenüber den Vormonaten 1000 Tote mehr gezählt, vermutlich also hitzebedingt. 11 Tage lang wurden Temperaturen über 40 Grad gemessen, gestorben sind insbesondere Ältere.
Natürlich ist das eine Klassenfrage. Während in den verarmten Vorstädten Menschen in völlig überhitzten Wohnungen vegetieren, können sich Reiche Kälte und Kühlung leisten. Aber die Erderhitzung wird in Zukunft zu noch mehr Leid führen. Denn sie wird Lebensmittel teurer und die Versorgung damit viel unsicherer machen. Für die Kapitalist*innen und Reichen? Eher nicht.
Die Liste der Schäden und Bedrohungen, die auf uns zukommen, ist lang und bekannt. Millionen weltweit werden ihre Heimat verlieren. Millionen, die gegen Wände und hochgerüstete Zäune und hochtechnologische Abwehrbollwerke rennen werden. Und sie hoffentlich überwinden werden, wenn es denn einen Rest von Gerechtigkeit in dieser sterbenden Ordnung gibt.
Eine Kette von Katastrophen
Wir leben am Beginn eines Katastrophenkapitalismus, in dem wir für unseren Schutz und unsere Sicherheit kämpfen müssen – in einer solidarischen Art und Weise, die Grenzen öffnet. Bis 2100 sollte die Erderhitzung gegenüber der vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad begrenzt werden. So hatten es die Herrschenden sich vorgenommen, die den Kapitalismus durch ökologische Eingrenzungen bewahren wollten.
In vielen Kommunen der Republik tritt der Kampf gegen die Erderhitzung jedoch praktisch auf der Stelle, bundes- und weltweit passiert nicht nur zu wenig, es passiert nicht das Richtige, sondern das Falsche. Laut dem Potsdam-Institut für Klimaforschung haben wir 2025 bereits 1,36 Grad erreicht, 2030 werden es vermutlich 1,5 Grad sein. Die Verödung und Verwüstung vieler Regionen in Europa schreiten voran.
Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Herrschenden so viele Millionen von uns umbringen werden, wenn wir ihnen nicht in den Arm fallen. Denn es geht nicht nur um die Klimakatastrophe. Weitere ökologische Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, wenn wir gut und sicher leben wollen, werden geradezu eingerissen. Artensterben und Zerstörung der Biodiversität, Süßwasserverschmutzung und -verschwendung, Übersäuerung der Meere…
Der heutige Kapitalismus schmiedet eine Kette sozialer Katastrophen, Imperialismus, Krieg, Faschisierung, Klima- und Umweltkrise. All das ist miteinander verbunden. Die Klimakatastrophe verstärkt beispielsweise die zunehmenden Spannungen und Konflikte zwischen imperialistischen Mächten, und diese Konflikte wiederum verschärfen die Klimakrise durch Hochrüstung und Kriege.
Das überwiegende Schweigen von Partei- und Fraktionsführung
Die Linke tut viel zu wenig. Die Parteiführung um Ines Schwerdtner und Jan van Aken hatte sich entschieden, zugunsten des Mietenfokus möglichst wenig über die Erderhitzung zu sprechen, über die Katastrophe, die diese bedeuten wird, für Menschen weltweit, aber auch für die Proletarisierten bei uns. Seltene Wortmeldungen helfen wenig – und tragen kaum dazu bei, Mehrheiten für eine sozial faire Politik gegen die Erderhitzung und Umweltkatastrophe zu gewinnen.
Und obwohl die größte Arbeitsgemeinschaft von Abgeordneten unserer Bundestagsfraktion die AG Ökosozialismus ist, so spielt das für die Ausrichtung der Fraktionspolitik und ihrer Öffentlichkeitsarbeit so gut wie keine Rolle. Wir haben die lebendige BAG Klimagerechtigkeit und die Ökologische Plattform in unserer Partei. In den Kreisverbänden engagieren sich viele Genoss*innen für einen sozial-ökologischen Umbau vor Ort. Aber in der Gesamtstrategie der Partei kommt das kaum vor.
Wir halten das für falsch. Die Linke muss ökosozialistische Politik machen, oder sie wird auf zentrale Zukunftsfragen keine Antworten geben und muss drängende Gegenwartsprobleme unseren Gegner*innen überlassen.
Was ist denn aus der Strategie der individuellen Bezahlbarkeit heraus die Antwort auf steigende Ölpreise – ein Tankrabatt von links? Was ist die Antwort auf absehbar steigende Gaspreise – die Subventionierung fossiler Energien und damit der Energiekonzerne?
Wir müssen als Linke aus einer Gemeinwohlperspektive Antworten auf die Erderhitzung und die sozial-ökologischen Krisen geben: Wie gestalten wir unsere Städte und Gemeinden so, dass alle gut darin leben können? Was müssen wir verteidigen bzw. neu aufbauen, um unsere Bedürfnisse solidarisch und klimagerecht zu befriedigen. Das sind politische Fragen, die sich nicht auf die Bezahlbarkeit reduzieren lassen, sondern einen „Klassenkulturkampf“ (Lia Becker) um die materiellen Lebensbedingungen von uns allen nötig machen.
Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung von Menschen und von Natur, es ist ein gefräßiges und darum grundsätzlich zerstörerisches System. Wir müssen den Kampf für die Einhegung der Zerstörungskraft mit dem Kampf für Verbesserungen und den Übergang in einen grünen Sozialismus verbinden.
Ökosozialistische Notfallmaßnahmen
Ein ökosozialistisches Programm, das den Herausforderungen, vor denen wir stehen, gerecht werden könnte, muss länger und auch radikaler sein. Wir müssen die Schäden, die verursacht werden, begrenzen, die Zerstörungsmaschine stoppen, so viel reparieren wie möglich und uns, die Menschen aus den unteren Klassen, schützen – und zugleich Einrichtungen aufbauen, die trotz verschärfter ökologischer Bedingungen ein gutes Leben für alle ermöglichen In Deutschland und weltweit.
Für die folgenden Punkte sollte Die Linke aber sofort kämpfen. Auch sie lassen sich nur durchsetzen, wenn wir eine starke sozial-ökologische Bewegung aufbauen und die Verschiebung der Kräfteverhältnisse nach rechts wieder umdrehen.
1. Kampf gegen das fossile Monopolkapital und für grüne Jobs
Die deutsche Industrie und Bank-/Finanzwirtschaft werden von Monopolen beherrscht. Die Automobilindustrie, die Energie- und Chemiekonzerne müssen umgebaut werden, damit sie nicht nur schadstoffärmer produzieren, sondern auch Produkte schaffen, die wir brauchen. Die Autoindustrie muss umgerüstet werden hin zu einer Mobilitätsindustrie, die teilweise E-Autos, sicher aber sehr viele Busse, Bullis und Shuttles und Züge baut. Das alles muss unter Einbezug der Beschäftigten passieren. Wir kürzen hier ab: demokratische Vergesellschaftung der Monopole, Stärkung der Mitbestimmung, Jobsicherheit für die Beschäftigten und Aufbau ökologisch nachhaltiger Jobs.
2. Kampf gegen Militarisierung
Die Rivalität zwischen den verschiedenen imperialistischen Mächten führt dazu, dass die Herrschenden in ihren Ländern aufrüsten. Rüstungsproduktion ist nicht nur schädlich, das Geld fehlt auch für den sozial fairen Kampf gegen die Erderhitzung – ganz davon abgesehen, dass Kriege wie auch Umweltkatastrophen menschliche Tragödien schaffen. Busse statt Bomben und Panzer, der Kampf für eine friedensfähige Gesellschaft und der Kampf für den Umweltschutz gehören zusammen.
3. Kampf für Demokratie: Nichts ohne Belegschaften, für die Vergesellschaftung
Egal was geschieht, im Kleinen wie im Großen, die abhängig Beschäftigten müssen bestimmen, was geschieht. Im Kleinen hieße das: kein Umbau der Betriebe ohne Mitsprache der Belegschaften, keine Umweltpolitik in Dorf und Stadt, ohne dass die Bevölkerung wirklich mitreden kann. Und im Großen heißt das: Wir brauchen eine demokratische Vergesellschaftung der großen fossilen Konzerne (siehe oben). Hier lassen sich auch Brücken schlagen. Wir können den Kampf für bezahlbare Energie mit dem Kampf für die Enteignung der Energiemonopole verbinden und zeigen, wie eine dezentrale demokratische Energieversorgung aussehen könnte.
4. Kampf für Ernährungssicherheit
Das Ernährungssystem, das uns mit Lebensmitteln versorgt, ist kaputt und total instabil. Die Umweltkatastrophe macht das noch schlimmer. Wir brauchen eine andere Art der Landwirtschaft, und wir brauchen Lebensmittelfabriken, die nicht nur deshalb profitabel sind, weil sie Mensch und Umwelt extrem ausbeuten. Dazu gehören auch öffentliche Kantinen, die bezahlbares Essen ausgeben, dessen Zutaten aus der ökologischen bzw. regionalen Landwirtschaft stammen.
5. Kampf für Gesundheitsschutz
Ein wichtiger Kampf für die Gegenwart ist der Kampf für unsere Gesundheit – die Liste der Forderungen wäre lang, hier nur einige Beispiele: Die Kinder in unseren Schulen und Kitas müssen wirklich vor Hitze geschützt werden, in den Städten brauchen wir Kältehallen und Schatteninseln, insgesamt muss in einem ungerechten System die Pflege und ärztliche Versorgung für Ältere und Erkrankte sichergestellt werden. Das heißt auch: die Pflegeberufe aufwerten und die Bezahlung und Arbeitsbedingungen verbessern. Insgesamt gilt für die abhängig Beschäftigten: Sie müssen vor extremen Wetterbedingungen geschützt werden. Und: Wir brauchen Programme, durch die die Wohnungen von Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen hitzefest gemacht werden.
6. Kampf für das Recht auf Heimat für Geflüchtete
Millionen werden heimatlos, weil wir ihre Heimat zerstören. Auch durch die Veränderung des Klimas. Diese Menschen dürfen nicht an unseren Außengrenzen sterben. Internationalistische Politik heißt auch: Kampf für das Recht, dass sich diese Menschen eine neue Heimat suchen. Und Kampf dafür, dass dies in Europa und Deutschland möglich wird.
7. Kampf für eine soziale Energiewende für alle
Die Heizkosten sind in den letzten Jahren massiv gestiegen – und werden weiter steigen. Während wohlhabende Eigenheimbesitzer*innen sich eine (im Betrieb günstige) Wärmepumpe leisten können, sind die meisten Mieter*innen in der Gasversorgung gefangen. Wir brauchen den Gasausstieg – und günstige Wärmepumpen für alle, eine leistbare grüne Fernwärme von demokratisierten Stadtwerken und effiziente Nahwärmenetze unter Kontrolle der Nachbar*innen.


